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Sauer macht lustig – bitter gesund?

Bitteren Lebensmitteln und Tinkturen werden jede Menge guter Eigenschaften nachgesagt. In der Naturheilkunde gelten sie als bewährt. Doch wissenschaftliche Belege für die Wirksamkeit zu finden, ist schwierig.

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Von Insa van den Berg

Kinder mögen den herben Geschmack selten. Das hat die Natur so eingerichtet, um ihr Überleben zu sichern. Denn was bitter schmeckt, kann giftig sein. Bittere Beeren spucken Kinder intuitiv aus. Bttere Zucchini sollte man auf keinen Fall essen, sie können eine schwere Lebensmittelvergiftung auslösen. Aber es gibt auch Früchte und Gemüsesorten mit Bitterstoffen, die gut verträglich sind. Zu diesen Lebensmitteln gehören neben etlichen Kräutern Pampelmusen, Chicorée, Radicchio, Rucola, Endivien, Rosenkohl und Artischocken. Ihnen wird sogar eine gesundheitsfördernde Wirkung zugeschrieben.

Bitterstoffe kommen etwa in der Kräuterheilkunde, der traditionellen Chinesischen Medizin und im Ayurveda zum Einsatz: Sie sollen bei Magen-Darm-Störungen, aber auch bei Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Hautproblemen, einer geschwächten Immunabwehr helfen. Für den Allgemeinmediziner und Naturheilkunde-Arzt Andreas Hammering sind Bitterstoffe wahre Alleskönner. Schon die Naturheilkundlerin Hildegard von Bingen habe im Mittelalter bei Erkrankungen der Leber Bitterstoffe verordnet. Wer zu fett gegessen habe, der wisse um die gute Wirkung eines Magenbitters oder Kaffees, sagt Hammering.

„Bitterstoffe haben ein breites Wirkungsspektrum. Das Einsatzgebiet ist nicht jeweils einer einzelnen Pflanze zuzuschreiben.“ Der Molekularbiologe Maik Behrens, Professor am Leibniz-Institut für Lebensmittel-Systembiologie an der Technischen Universität München, hat zu einzelnen Bitterstoffen wie Koffein und Hopfen geforscht. Sie zeigten positive Effekte auf Blutzuckerspiegel oder Magenaktivität, sagt er und ergänzt: „Es gibt Hinweise darauf, dass Bitterstoffe den Körper vor schädigenden Radikalen schützen.“ Sie könnten außerdem verdauungsfördernd sein.

Bitterstoffe sind auch als Appetitzügler im Gespräch. Molekularbiologe Behrens bestätigt: „Man hat langfristig weniger Hunger.“ Er ist trotzdem vorsichtig: „Meiner Meinung nach ist die Wirksamkeit von Bitterstoffen allgemein nicht eindeutig belegt.“ Die Experimente seien schwierig zu führen, weil Wissenschaftler die einzelnen Bestandteile isoliert betrachten müssten. Man könne also nicht verallgemeinern, dass alle Bitterstoffe gesund machten. „Deshalb würde ich momentan bei der Behandlung von Erkrankten konventionelle Medikamente bestimmten Diäten vorziehen.“ Der Genuss von Pampelmusen beispielsweise könne Wechselwirkungen auf Medikamente haben. Wer vermehrt bittere Lebensmittel oder Bittertropfen einnehmen wolle, solle dazu einen Arzt oder einen Apotheker um Rat fragen.

Hammering rät zu Kombinationen von Wirkstoffen, wie sie in Kräutertinkturen zu finden sind. Die sogenannte Phytotherapie wird in Deutschland von einigen Krankenkassen übernommen. Bitterstoffe in Tropfenform seien laut Hammering zur Nahrungsergänzung manchmal nötig, weil viele grundsätzlich bittere Lebensmittel heute kaum noch Bitterstoffe enthielten.

„Früher konnten die bitteren Enden einer Salatgurke eine Speise noch ungenießbar machen“, erzählt Diätassistentin Margret Morlo vom Verband für Ernährung und Diätetik. Das ist nicht mehr so; die Bitterstoffe sind herausgezüchtet worden.

„Süß ist eben gefälliger im Geschmack“, erläutert der Hamburger Spitzenkoch Thomas Sampl. „Wir bieten unserem Publikum Bitteres und umspielen es mit anderen Geschmacksrichtungen. Eine Kombination, über die von unseren Gästen viel gesprochen wird, sind Kartoffelknödel mit Grapefruit.“

US-Forscherinnen der University at Buffalo haben herausgefunden, dass uns bittere Lebensmittel bei wiederholtem Genuss besser schmecken. Schwarzer Kaffee zum Beispiel enthält Bitterstoffe und hat eine anregende Wirkung. Diese ist es gelegentlich, die uns das Herbe tolerieren lässt.

Nur noch bittere Lebensmittel zu sich zu nehmen, ist nicht des Rätsels Lösung. Ernährungsmediziner wie Johannes Erdmann von der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf halten eine vielfältige, abwechslungsreiche Ernährung mit Obst, Gemüse und tierischen Produkten für sinnvoll. Molekularbiologe Behrens sagt: „Gesunde Ernährung ist eine ausgewogene Ernährung.“ Und Naturheilkundler Hammering erklärt: „Wer nur Fast Food isst, dem helfen auch keine Bitterstoff-Tinkturen.“

Evangelischer Pressedienst, 17. Februar 2020

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Hitzewellen kosten Menschenleben

Die extreme Sommerhitze kann zum Tod führen, warnt das Robert-Koch-Institut. Besonders gefährdet sind Senioren – auch weil sie oft zu wenig trinken.

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Von Insa van den Berg

Im vergangenen Jahr sind nach Angaben des staatlichen Robert-Koch-Instituts in Deutschland tausende Menschen aufgrund der hohen Temperaturen gestorben. Die Zahl der Todesopfer ist laut Instituts-Forscher Matthias an der Heiden mit dem Negativ-Rekord des sogenannten Jahrhundertsommers 2003 vergleichbar. Damals starben aufgrund des Wetters bundesweit etwa 7.600 Menschen, in Europa zwischen 50.000 und 70.000 Menschen. Dieses Ausmaß komme dem einer Grippewelle nahe, erklärt an der Heiden. Die hohen Temperaturen können einen Herzinfarkt, Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, der Nieren, der Atemwege und Stoffwechselstörungen verursachen. Bei Senioren kommt das oftmals abnehmende Durstgefühl hinzu, so dass sie zu wenig trinken.

In Pflegeheimen wie dem Diakonie-Haus „Johann Hinrich Wichern“ in Leipzig Soziales erinnern Mitarbeiter die Bewohner deshalb regelmäßig daran, einen Schluck Wasser oder Saft zu nehmen. Sie reichen kalte Suppen und eisgekühltes Wasser. Die Zimmer werden mit heruntergelassenen Außenrollos vor der Sonne geschützt. „Auf den Gängen stehen Ventilatoren und im Garten haben wir ein Badebassin zum Kühlen der Füße“, sagt Heimleiterin Katharina Sachse.

Weitere Möglichkeiten, um sich vor Hitze zu schützen, sind: Feuchte Tücher auf den Körper legen, die Wohnräume nachts lüften, leichte Kleidung wählen. Für Heime gibt es keine einheitlichen Verhaltenspläne, was an heißen Tagen zu tun ist. Es ist die Aufgabe jeder einzelnen Einrichtung, Geeignetes gegen die Hitze zu unternehmen. „Man kann das nicht standardisieren, weil es hier um Individuen geht“, sagt Johanna Knüppel vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe. Auf einen Nierenkranken müsse man anders eingehen als auf einen Herzkranken. Klar sei, dass die Hitze mit Mehraufwand für die Mitarbeiter von Heimen verbunden sei. „Heiße Tage in der Haupturlaubszeit in einer Branche mit Fachkräftemangel: Es ist eine einfache Rechenaufgabe, dass Personal besonders im Sommer fehlt.“

Die Betreuung in Pflegeheimen an Hitzetagen habe sich im Vergleich zu den Vorjahren verbessert, erläutert Chefarzt Clemens Becker von der Klinik für Geriatrische Rehabilitation des Robert-Bosch-Krankenhauses in Stuttgart. Allerdings habe er bei seinen Forschungen festgestellt, dass die Sterblichkeit von Senioren, die durch ambulante Pflegedienste in den eigenen vier Wänden betreut werden, an heißen Tagen sehr hoch sei. „Das Thema muss politisch ernster genommen werden. Wir reden von vermeidbaren Todesfällen. Dafür gibt es meiner Meinung nach keine Entschuldigung“, sagt Becker. Hitzewellen müssten als Katastrophenszenario anerkannt werden. Dann könne auch der ehrenamtliche Katastrophenschutz zum Einsatz kommen, um bei der Versorgung Älterer zu helfen. Außerdem sollte jeder Hausarzt während einer Hitzewelle auf Patienten der Pflegegruppen 3, 4 und 5 besonders achten. Dafür müsse es allerdings einen Datenabgleich zwischen Hausärzten und Pflegekassen geben.

Mit gezielter Vorbeugung könnte die Zahl hitzebedingter Sterbefälle laut Robert-Koch-Institut vermutlich abgeschwächt werden. Ansonsten werde die Zahl hitzebedingter Todesopfer auch in Zukunft hoch sein oder sogar steigen. Denn aufgrund der Klimakrise müsse in Deutschland mit häufigeren und längeren Hitzewellen gerechnet werden, wie Mai und Juni 2019 bereits erahnen lassen.

Evangelischer Pressedienst, 24. Juli 2019

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„Dem Tod mit mehr Rüstzeug begegnen“

Statt ihn zu tabuisieren, sollten wir uns vorbeugend mit dem Tod beschäftigen – unserem und dem unserer Angehörigen. Das empfiehlt der alternative Bestatter Eric Wrede aus Berlin.

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Von Insa van den Berg

Wie wichtig sind persönliche Erfahrungen mit dem Tod – gerade für alternative Bestatter wie Sie, die ganz individuelle Formen des Abschiednehmens anbieten?

Eric Wrede: Ich glaube eher, dass zu viele persönliche Erfahrungen negativ sind. Wer zum Beispiel ehrenamtlich Sterbende begleiten will, muss für einen gewissen Zeitraum frei von Verlusten sein. Damit man sich nicht selbst therapiert. Zu viele eigene Erfahrungen können dazu führen, dass ich meine Antworten auch anderen als Antworten vorgebe. Ich merke das bei mir: Wenn ich anhand eines ersten Eindrucks vermute, was die Familie sich wünschen könnte. Davon muss man sich freimachen. Die Antworten muss jeder selbst finden. Es gibt keine Tipps von außen. Im schlimmsten Fall sind solche Ratschläge sogar negativ: Wenn ich dem anderen sage, was mir hilft, und dann klappt es nicht. Dadurch entsteht Druck, und die Betroffenen fragen sich, ob ihr Trauerverlauf komisch ist. Tatsächlich sind aber die meisten Menschen in der Lage, normal zu trauern.

Sie waren mit Anfang 30 bereits als Musikmanager gut im Geschäft, trotzdem haben Sie auf der Suche nach einer echten Berufung noch einmal eine Ausbildung begonnen – mit einem unbezahlten Praktikum.

Eric Wrede: Man kann die klassische Ausbildung machen oder für einen gewissen Zeitraum in dem Beruf arbeiten und sich anschließend prüfen lassen. So habe ich das gemacht. Die Prüfung am Ende ist für beide Wege die gleiche. Ich möchte wissen, wovon ich spreche. Wenn ich was doof finde, will ich das auch begründen können. Ich möchte verstehen, wie Abläufe sich verfestigen statt Einzelne als Böse herauszupicken. Wenn ich sage, dass im Krankenhaus schlecht mit Verstorbenen umgegangen wird, dann will ich wissen, warum das so ist. Nicht nur der Bestatter ist doof, der teure Särge verkauft – auch der Kunde, der so unmündig ist und nicht sagt, was er will. Jeder, der sich rechtzeitig Gedanken über seine Wünsche und Bedürfnisse in einer Verlustsituation gemacht hat, wird mit ein bisschen Rüstzeug in solche Momente gehen.

Viele Eltern fragen sich, ob sie ihre Kinder mit in den Trauerprozess und eine Trauerfeier einbeziehen sollten oder lieber nicht. Wie stehen Sie dazu?

Eric Wrede: Ich habe grundsätzlich Verständnis dafür, dass Eltern ihre Kinder beschützen wollen. Wenn ich gezielt nachfrage, merken die Eltern oft schnell, dass Kinder viel besser damit zurechtkommen als gedacht und oft auch ganz anders mit Trauer umgehen. Natürlich kann es mich stören, wenn meine siebenjährige Nichte spielen möchte, während ich am Grab meines Opas stehe und weine. Die meisten Kinder haben aber ein gutes Gespür dafür, dass das gerade nicht passt. Die Antwort kann nicht sein, Kinder von der Trauer auszuschließen. Vielmehr müssen wir für jede Gruppe ihre Möglichkeiten finden. Wie sollen Kinder sonst lernen, wie man sich liebevoll verabschiedet? Das heißt nicht, dass sie unbedingt immer mit zur Trauerfeier gehen müssen. Ein Beispiel: Wenn es eine sehr konservative Bestattungsfeier mit einer Urne geben soll, kann man den Sarg vor der Einäscherung mit den Kindern gestalten. Dann wissen sie, dass sie den Abschied mitgestaltet haben.

Wie gehen Sie mit Trauernden um?

Eric Wrede: So, wie ich möchte, dass Menschen mit mir umgehen: Ich möchte, dass man mich ernst nimmt. Ich zum Beispiel will keine Floskeln hören. Jedes ehrliche In-den-Arm-Nehmen ist mehr wert als ein formal ausgesprochenes ‚Mein Beileid‘. Man kann fragen: ‚Was brauchst Du gerade?‘ Einige können das in ihrer Trauer aber gar nicht genau benennen. Dann ist praktische Lebenshilfe sinnvoll: Eine Einladung zum Essen, die Kinder ein Wochenende betreuen. Ein ernstgemeintes ‚Wie geht es Dir?‘ ist schwierig. Wenn ich Angehörige nach einem Jahr wiedertreffe, stocke ich zunächst. Habe ich jetzt wirklich Zeit, mir die Antwort darauf 20 Minuten anzuhören? Denn viele Trauernde werden sich wiederholen. Als Freund muss man die Kraft haben, sich das immer wieder anzuhören. Oder ab einem gewissen Punkt auch zu sagen: ‚Jetzt verlässt mich meine Kraft. Vielleicht schauen wir zusammen nach einem Angebot, dass Dir helfen kann.‘

Alternative Bestatter findet man eher in Großstädten. Also hat man auf dem Land kaum eine Chance auf eine individuelle Beisetzung?

Eric Wrede: Eher nein – auch wenn wir das ab und zu mal machen. Je klarer Angehörige kommunizieren, was sie wollen, desto besser wird aber jeder vernünftige Bestatter in der Lage sein, die individuellen Wünsche umzusetzen. Was im Ländlichen schwierig ist: Es gibt dort oft nur einen Trauerredner. Da kannst Du die Reden mitsprechen. Und die Preise sind heftig. Da fallen Dir die Ohren ab. Aber es gibt eben nur diesen Bestatter. Der kostet dann eben so viel.

Können Sie konkrete Zahlen nennen?

Eric Wrede: Auf Berliner Friedhöfen kostet ein Erdgrab um die 2000 Euro. In Hannover werden es schnell 4000. Solche Spannen gibt es auch bei Bestattern. Aber warum kostet eine gleichlange Autofahrt von A nach B in der einen Stadt 120 Euro und in der anderen 420? Ich staune, wie hoch die Schwankungen sind. Meine Oma in Rostock hat für ihre Beerdigung 10.000 Euro zur Seite gelegt. Alle Kosten zusammengenommen ist das gar nicht so viel. Auch in Berlin bist Du schnell bei 5000 bis 6000 Euro. Aber man kann eine gute Bestattung auch für 2000 Euro machen. Es darf keine Frage von Geld sein, dass ein Abschied gut wird.

Märkische Allgemeine Zeitung, 21. Mai 2019

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Einfühlungsvermögen: Der Schlüssel zum Vertrauen

Bestsellerautorin Stefanie Stahl will mit ihrem neuen Buch „Nestwärme, die Flügel verleiht“ Eltern zu mehr Selbstreflexion anregen. Ein Interview.

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Von Insa van den Berg

Eltern oder auch Paare, die Eltern werden wollen, sollten in der Lage sein, sich selbstkritisch zu hinterfragen, rät Stefanie Stahl, Psychologin und Bestsellerautorin von „Das Kind in dir muss Heimat finden“. Übungen dazu bietet sie mit Berufskollegin Julia Tomuschat in ihrem neuen Ratgeber. Ein Gespräch über Bindung, alte Muster, schlechte Prägungen und die Bedeutung von Einfühlungsvermögen.

Kann man ein Kind zu sehr lieben? Wie sollen wir Grenzen setzen? Wann müssen wir loslassen? Ihrer Meinung nach kann man all diese Fragen mit drei Grundbedürfnissen beantworten: Bindung, Selbstständigkeit und Selbstwert.

Stefanie Stahl: Bindung und Autonomie sind die Prinzipien, um die sich die ganze Welt dreht. Sie sind die Grundlage unseres Lebens, damit einhergehend auch das Selbstwertgefühl. Bei der Bindung geht es um das Verbindende, das Miteinander, Verständnis füreinander, Wohlwollen, Zugewandtheit. Bei der Autonomie stehen die Fragen im Zentrum: Wie unterscheide ich mich von dir? Wann muss ich meinen eigenen Weg gehen? Die Prinzipien Bindung und Autonomie bestimmen nicht nur das Zusammenleben von zwei Menschen, sondern das ganzer Gesellschaften.

Gerade in stressigen Momenten ähneln wir unseren Eltern. Es anders machen zu wollen als sie ist zum Scheitern verurteilt?

Stefanie Stahl: Nein, nicht zwangsläufig. Viele Eltern ertappen sich aber dabei, dass sie Sprüche raushauen, die sie von den eigenen Eltern zu hören bekommen haben. Sie hatten sich fest vorgenommen, so etwas niemals zu sagen. Aber wenn wir unter Stress stehen – und das tun Eltern ja leicht, weil die Anforderungen der Elternschaft und des modernen Lebens groß sind –, passiert es schnell, dass wir in alte Muster zurückfallen. Dann ist es wichtig, auf sich selbst zu gucken, sich zu fragen: Was sind meine Trigger-Knöpfchen?

Überspitzt gesagt: Sollten Menschen aus problematischen Verhältnissen also zunächst eine Therapie machen, bevor sie Kinder bekommen?

Stefanie Stahl: Diesen Anspruch halte ich für zu hoch. Aber es wäre schon toll, wenn es Elternschulungen gäbe. Es ist gut, wenn man sich vieler eigener Probleme bewusst ist. Dann müssen wir keine schlechten Prägungen an unsere Kinder weitergeben. Das ist der Grund, warum unsere Welt sich so schleppend weiterentwickelt. Alte Muster durch ganze Generationen durchzureichen: Das kann man nur durch Selbstreflexion unterbrechen.

Machen Paare sich im Vorfeld so wenig Gedanken über ihre Elternschaft?

Stefanie Stahl: Bei vielem ist es so, dass man es erlebt haben muss. Da ist unsere Vorstellungskraft begrenzt, wie anstrengend Elternschaft wirklich sein kann. Wir unterscheiden zwischen angepassten und autonomen Eltern. Bei den angepassten Eltern ist das Bindungsbedürfnis eher zu stark. Das kann daran liegen, dass sie diesbezüglich in ihrer eigenen Kindheit zu kurz gekommen sind. Ihre Kinder füllen dieses Defizit ein Stück weit auf. Die Eltern genießen die Kleinkindzeit und die sehr enge Bindung zum Kind. Die größere Herausforderung ist, wenn sie ihre Kinder loslassen müssen. Die autonomen Eltern sind aufgrund eigener Kindheitserlebnisse eher bei ihrem Freiheitsbedürfnis aus der Balance. Sie haben sich vorgenommen, sich nicht mehr anzupassen und alles allein hinzubekommen. Sie fühlen sich von Ansprüchen kleiner Kinder zu stark vereinnahmt. Es kann Fluchtimpulse auslösen, bei Vätern zum Beispiel den, sich schnell wieder in die Arbeit zu stürzen. Diesen Eltern fällt es leichter, wenn die Kinder größer werden. Das liegt daran, dass die Ansprüche von größeren Kindern die eigene Autonomie nicht so sehr bedrohen.

Denken Menschen wirklich so wenig über sich nach, wie Ihr Buch es nahelegt?

Stefanie Stahl: Es gibt Menschen, die gern über sich nachdenken: Was hat mich geprägt? Wie ist mein Selbstwertgefühl? Die große Masse macht das seltener und ist stärker in der äußeren Welt verhaftet. Einige verdrängen, weil sie Angst haben, dass schmerzhafte Erinnerungen hochkommen. Ich würde sagen, was die Selbstreflexion angeht, befinden wir uns im Mittelalter. Das wir uns weiterentwickeln sollten, muss in den Köpfen der Menschen ankommen. Gott sei Dank gibt es dazu die ersten Ansätze. Gerade bei jüngeren Generationen ist die persönliche Weiterentwicklung ganz großgeschrieben. Darauf liegt große Hoffnung.

Sie machen Einfühlungsvermögen als Schlüssel für Vertrauen aus. Wie kann man lernen, einfühlsamer zu sein?

Stefanie Stahl: Menschen, die Probleme mit dem Einfühlungsvermögen haben, haben meist wenig Kontakt zu ihren eigenen Gefühlen, zumindest zu problematischen wie Angst, Trauer, Hilflosigkeit. Das kann daran liegen, dass sie nach Glaubenssätzen wie „Jungen weinen nicht“ sehr männlich sozialisiert sind. Daher haben Männer auch häufiger als Frauen Probleme, sich einzufühlen. Es kann ansonsten daran liegen, dass sie in ihrer Kindheit schmerzhafte Erfahrungen gemacht haben. Als Überlebensstrategie haben sie sich abtrainiert zu fühlen. Wenn ich mich aber in mein Kind einfühlen will, dessen bester Freund nicht mehr mit ihm spielen will, muss ich eine Idee haben von meiner eigenen Trauer. Wie fühlt sich Ablehnung für mich an? Ich sollte also lernen, mehr Kontakt zu meinen eigenen Gefühlen aufzunehmen und ihnen Raum zu geben. Der andere Weg ist, genau hinzugucken und gut zuzuhören. Wir alle tragen Brillen mit einer leichten Wahrnehmungsverzerrung. Sie sind ursächlich dafür, dass wir anderen leicht Motive oder Bedürfnisse unterstellen, die wir jedoch aufgrund eigener Erfahrungen falsch interpretiert haben. Diese Filter sind ein grundsätzliches Problem in der Kommunikation. Unser Buch soll trainieren, die Wirklichkeit möglichst objektiv wahrzunehmen.

haz.de, 8. Dezember 2018

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Singen kann den Alltag mit Dementen erleichtern

Lieder können Demente aktivieren. Musik kann aggressive Patienten beruhigen. Musiktherapeuten sagen, dass durch das gemeinsame Singen auch Alltägliches wie Waschen oder Füttern einfacher wird.

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Von Insa van den Berg

Max Liedtke kennt die Patienten und ihre individuellen Geschichten – an die sie selbst sich kaum erinnern. Mehrfach wöchentlich besucht der emeritierte Pädagogikprofessor Schwerstdemente in Pflegeeinrichtungen im Nürnberger Land: Patienten, die eingesunken im Rollstuhl verharren oder verstört um sich schlagen. Liedtke beobachtet: Wenn sie gemeinsam singen, verändert sich etwas. Ein Lächeln hier, Tanzbewegungen dort. Durch seine inzwischen gestorbene, zuvor demente Frau weiß Liedtke: „Gespräche wurden schwieriger. Ich habe bemerkt, dass gemeinsames Tun unsere Kommunikation erleichterte.“ Gemeinsam zu musizieren, war eine spontane Idee.

Lieder aus der Kindheit sind im Handlungsgedächtnis abgespeichert. Das greift die Demenz erst sehr spät an, erklärt Eckart Altenmüller. Der Neurologe ist Direktor des Instituts für Musikphysiologie und Musiker-Medizin der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Durch das Singen können Verbindungen im Gehirn in gewissem Maß wiederbelebt werden, zeigen Untersuchungen. „Und man kann das Fortschreiten der Demenz damit aufhalten“, sagt Altenmüller.

Die Opernsängerin Maartje de Lint bietet sogenannte „Base“-Trainings an. „Base“ steht für „Brain Awakening Singing Education“. Sinngemäß übersetzt heißt das: gehirnanregende Gesangsstunden. Dazu besucht die 50-Jährige Pflegeheime in den Niederlanden und seit kurzem auch in Deutschland. Sie bildet einen Stuhlkreis und singt gemeinsam mit den Bewohnern. Es gehe nicht darum, den richtigen Ton zu treffen oder die passenden Wörter zu wählen: Die Melodie oder ein ’Lalala’ reichen. Ein Pianist begleitet den Chor. „Ich gehe nah an die Menschen heran, berühre auch mal eine Hand. Demente verlieren das Rationale. Das Fühlen bleibt aber gesund“, sagt Maartje de Lint.

An einem solchen Training nehmen zwölf Demenz-Betroffene teil, deren Angehörige sowie sechs Pflegende. Für die Betreuer ist es als Fortbildung gedacht; das Heim als Veranstalter zahlt pro Workshop etwa 600 Euro. „Ich zeige, wie man den Alltag durch das Singen erleichtern kann. Wenn man jemanden duschen muss, und der will nicht, dann kann ein Schlager wie ’Singin’ in the rain’ hilfreich sein.“ Oder ein Kinderlied wie „Zeigt her eure Füße“. Die Pflegenden seien von dem Einfluss der Musik oft total überrascht, sagt die Sängerin. „Wenn etwa ein schreiender Patient durch ein Lied beruhigt wird.“ Damit habe das gemeinsame Singen nicht nur positive Auswirkungen auf die von Dementen, sondern auch auf das Pflegepersonal und die Angehörigen. Denn auch bei ihnen rufe die Musik gute Gefühle hervor.

Für die Gesangspädagogin Vera Kimming vom Verein „Singende Krankenhäuser“ ist das Singen „heilsam für jede Art von Krankheitsbild“. Es kann aktivieren, beruhigen, das Selbstwertgefühl fördern. „Vielen ist gar nicht bewusst, wie bedeutsam die Musik ist.“ Der Verein bietet ebenfalls Fortbildungen zum Singleiter für Pflegende an. Pro Modul und Teilnehmer kostet der Kurs 265 Euro. Inzwischen wurden durch den Verein „Singende Krankenhäuser“ über 60 Kliniken in Deutschland, Österreich und der Schweiz zertifiziert. „Durch unseren fachlichen Hintergrund verbinden wir das Singen zum Beispiel mit körperlicher Bewegung. Damit erreichen wir eine andere Qualität als durch das bloße Absingen von Liedern.“

Besser als nur Musik zu hören, sei das aktive Tun, bestätigt der Neurologe Eckart Altenmüller. „Idealerweise fördert man zusätzlich die Mobilität der Patienten, durch Klatschen oder Tanzen.“

So viel Gutes sein Ehrenamt bewirkt – mit der Freiwilligkeit hadert Max Liedtke gelegentlich. „Ich frage mich, ob man damit den Druck auf die Politiker verringert. Es scheint schließlich so, als könne man durch Freiwillige die Probleme in der Pflege lösen.“ Dennoch sei er bereit, durch eigenes Handeln etwas zu ändern. Und besucht weiter Demenzkranke, um mit ihnen zu singen.

Evangelischer Pressedienst, 10. Juli 2018

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