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Hitzewellen kosten Menschenleben

Die extreme Sommerhitze kann zum Tod führen, warnt das Robert-Koch-Institut. Besonders gefährdet sind Senioren – auch weil sie oft zu wenig trinken.

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Von Insa van den Berg

Im vergangenen Jahr sind nach Angaben des staatlichen Robert-Koch-Instituts in Deutschland tausende Menschen aufgrund der hohen Temperaturen gestorben. Die Zahl der Todesopfer ist laut Instituts-Forscher Matthias an der Heiden mit dem Negativ-Rekord des sogenannten Jahrhundertsommers 2003 vergleichbar. Damals starben aufgrund des Wetters bundesweit etwa 7.600 Menschen, in Europa zwischen 50.000 und 70.000 Menschen. Dieses Ausmaß komme dem einer Grippewelle nahe, erklärt an der Heiden. Die hohen Temperaturen können einen Herzinfarkt, Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, der Nieren, der Atemwege und Stoffwechselstörungen verursachen. Bei Senioren kommt das oftmals abnehmende Durstgefühl hinzu, so dass sie zu wenig trinken.

In Pflegeheimen wie dem Diakonie-Haus „Johann Hinrich Wichern“ in Leipzig Soziales erinnern Mitarbeiter die Bewohner deshalb regelmäßig daran, einen Schluck Wasser oder Saft zu nehmen. Sie reichen kalte Suppen und eisgekühltes Wasser. Die Zimmer werden mit heruntergelassenen Außenrollos vor der Sonne geschützt. „Auf den Gängen stehen Ventilatoren und im Garten haben wir ein Badebassin zum Kühlen der Füße“, sagt Heimleiterin Katharina Sachse.

Weitere Möglichkeiten, um sich vor Hitze zu schützen, sind: Feuchte Tücher auf den Körper legen, die Wohnräume nachts lüften, leichte Kleidung wählen. Für Heime gibt es keine einheitlichen Verhaltenspläne, was an heißen Tagen zu tun ist. Es ist die Aufgabe jeder einzelnen Einrichtung, Geeignetes gegen die Hitze zu unternehmen. „Man kann das nicht standardisieren, weil es hier um Individuen geht“, sagt Johanna Knüppel vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe. Auf einen Nierenkranken müsse man anders eingehen als auf einen Herzkranken. Klar sei, dass die Hitze mit Mehraufwand für die Mitarbeiter von Heimen verbunden sei. „Heiße Tage in der Haupturlaubszeit in einer Branche mit Fachkräftemangel: Es ist eine einfache Rechenaufgabe, dass Personal besonders im Sommer fehlt.“

Die Betreuung in Pflegeheimen an Hitzetagen habe sich im Vergleich zu den Vorjahren verbessert, erläutert Chefarzt Clemens Becker von der Klinik für Geriatrische Rehabilitation des Robert-Bosch-Krankenhauses in Stuttgart. Allerdings habe er bei seinen Forschungen festgestellt, dass die Sterblichkeit von Senioren, die durch ambulante Pflegedienste in den eigenen vier Wänden betreut werden, an heißen Tagen sehr hoch sei. „Das Thema muss politisch ernster genommen werden. Wir reden von vermeidbaren Todesfällen. Dafür gibt es meiner Meinung nach keine Entschuldigung“, sagt Becker. Hitzewellen müssten als Katastrophenszenario anerkannt werden. Dann könne auch der ehrenamtliche Katastrophenschutz zum Einsatz kommen, um bei der Versorgung Älterer zu helfen. Außerdem sollte jeder Hausarzt während einer Hitzewelle auf Patienten der Pflegegruppen 3, 4 und 5 besonders achten. Dafür müsse es allerdings einen Datenabgleich zwischen Hausärzten und Pflegekassen geben.

Mit gezielter Vorbeugung könnte die Zahl hitzebedingter Sterbefälle laut Robert-Koch-Institut vermutlich abgeschwächt werden. Ansonsten werde die Zahl hitzebedingter Todesopfer auch in Zukunft hoch sein oder sogar steigen. Denn aufgrund der Klimakrise müsse in Deutschland mit häufigeren und längeren Hitzewellen gerechnet werden, wie Mai und Juni 2019 bereits erahnen lassen.

Evangelischer Pressedienst, 24. Juli 2019

Bitte beachten Sie, dass eine Weiterverbreitung oder Veröffentlichung meiner ausdrücklichen Zustimmung bedarf.

 

„Das ist wie mit Liebeskummer“

Wir sollten uns vorbeugend mit dem Tod auseinandersetzen – unserem und dem unserer Angehörigen: Das rät der alternative Bestatter Eric Wrede aus Berlin. Er hat ein Buch über das Thema geschrieben. Insa van den Berg hat sich mit ihm über Erfahrungen mit dem Tod, den Umgang mit Verstorbenen und die Frage unterhalten, wie Angehörige Trauernden helfen können.

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Von Insa van den Berg

Sie wünschen sich für sich selbst eine Erdbestattung. Warum ziehen Sie einen Sarg einer Urne vor?

Eric Wrede: Das ist völlig irrational, ein Bauchgefühl. Ich finde einfach die Vorstellung nicht schön, verbrannt zu werden. Ich mag vielmehr den Akt, einen Körper der Erde zu übergeben. Ich finde, das ist auch für die Hinterbliebenen verständlicher. Zu verstehen, dass die drei Liter Asche vorher ein Mensch waren, ist meiner Meinung nach ziemlich schwierig.

Es gibt ja Vorurteile gegenüber Erdbestattungen.

Eric Wrede: Viele haben Angst, von Würmern zerfressen zu werden. In der Tiefe, in der wir begraben werden, gibt es keine Würmer. Wenn da welche sind, dann waren die vorher in uns. Dass der Körper sich zersetzt, kommt stattdessen aus uns heraus. Die Magensäfte sind dafür zum Beispiel verantwortlich. Verstorbene riechen normalerweise auch nicht, wenngleich viele das denken. Wenn das doch mal passiert, dann kommt der Geruch aus dem Mundraum. Das ist ein Zeichen, dass die Zersetzung begonnen hat.

Wie wichtig sind persönliche Erfahrungen mit dem Tod für Bestatter Ihrer Meinung nach?

Eric Wrede: Ich glaube eher, dass zu viele persönliche Erfahrungen negativ sind. Wer zum Beispiel ehrenamtlich Sterbende begleiten will, muss für einen gewissen Zeitraum frei von Verlusten sein. Damit man sich nicht selbst therapiert. Zu viele eigene Erfahrungen können dazu führen, dass ich meine Antworten auch anderen als Antworten vorgebe. Ich merke das bei mir: Wenn ich anhand eines ersten Eindrucks vermute, was die Familie sich wünschen könnte. Davon muss man sich freimachen. Das ist wie beim Liebeskummer und der Freundin, die doofe Ratschläge gibt. Nein, die Antworten muss jeder selbst finden. Es gibt keine Tipps von außen. Im schlimmsten Fall sind solche Ratschläge sogar negativ: Wenn ich nämlich sage, durch was es mir besser ging und bei dem anderen klappt das dann nicht. Dadurch entsteht Druck und die Betroffenen fragen sich, ob ihr Trauerverlauf komisch ist. Tatsächlich sind aber die meisten Menschen in der Lage, normal zu trauern. Nur wenige kommen an den Punkt, ab dem sie wirklich Hilfe durch Dritte brauchen.

Sie sagen von sich selbst, dass Sie als Bestatter eine deutliche, klare Sprache bevorzugen: direkt sagen, was Sache ist. Geht das auch mal schief?

Eric Wrede: Natürlich. Das passiert immer dann, wenn unsere Begriffe zu Missverständnissen führen. Wie nennt man es, wenn man einen Verstorbenen noch mal sieht? Einige nennen das Aufbahrung, andere Abschiednahme. Aber beide Begriffe benennen den eigentlichen Vorgang nur unkonkret. Wenn man Bilder aus einem Krematorium sieht oder von einer Erdbeisetzung: Friedlich ist keine Vorstellung von beidem. Ich glaube, es gibt gar nicht den Weg, dass der Tod plötzlich etwas Schönes wird! Es wird immer etwas unglaublich Schmerzhaftes bleiben. Ich spreche anderseits zum Beispiel nie von „Leiche“, sondern von „Verstorbenen“. Ich möchte weg davon, dass der tote Körper eine Sache ist, die entsorgt werden muss. So eine „Leiche“ ist etwas Fremdes. Aber die „Verstorbene“ ist meine Oma. Über Sprache entsteht Wahrnehmung.

An der Formulierung stört sich vermutlich niemand. Sie nutzen aber auch eine andere Form von klarer Ansprache wie eben zum Beispiel vorhin mit dem Würmerfraß oder Gerüchen. Gibt es nicht Trauernde, die solche Deutlichkeit verschreckt?

Eric Wrede: Ich habe bisher noch nie die Rückmeldung bekommen, dass wir eine zu harte Sprache benutzt haben. Eher im Gegenteil: Menschen finden es angenehm, dass ich nicht die bedrückte Pastorenstimme an den Tag lege. Der Andere ist doch eh traurig. Das muss ich nicht verstärken.

Sie sagen und schreiben auch in Ihrem Buch, die Bestatterbranche sei sehr konservativ und schimpfen. Warum?

Eric Wrede: Mir geht es vor allem darum, wie grundsätzlich mit Körpern umgegangen wird, wenn jemand nicht mehr lebt. Es sind nicht nur Bestatter, die keine Trauerkompetenz haben. Es sind auch Krankenhäuser, in denen Verstorbene möglichst schnell in die Kühlkammer gebracht werden, ohne dass Angehörige sie noch einmal sehen konnten. Damit das Zimmer wieder für den nächsten Patienten frei ist … Es sind auch Friedhofsverwaltungen, die einfach nur ihre Regeln durchdrücken wollen, als wärst du in einer Kleingartenanlage. Es gibt aber auch Positivbeispiele, die leider noch in der Minderheit sind: Krankenhäuser, in denen es Standard ist, dass der Verstorbene in seine Kleidung kommt, die Angehörigen Zeit mit ihm haben, dass es einen separaten Abschiednahmeraum gibt. Die arbeiten mit den gleichen Krankenkassengeldern wie die Klinik 500 Meter weiter, in der ich den Arzt für so etwas quasi halb bedrohen muss. Es gibt einen Friedhof in Berlin, da musste ich mit rechtlichen Schritten kommen, weil die ein Baby nicht beisetzen wollten! Das macht mich dann sauer.

Was sagen Ihre Bestatterkollegen zu solchen Vorwürfen?

Eric Wrede: Einige finden super, dass da Licht hereingebracht wird. Viele meckern, weil wir an den Grundfesten dieser Branche rütteln. Weil wir für unsere Kompetenz bezahlt werden wollen und nicht damit Geld verdienen, dir einen teuren Sarg zu verkaufen. Am Anfang ist unsere Arbeitsweise sehr belächelt worden. Jetzt nehmen einige auf, was wir machen: zum Beispiel Hausaufbahrungen. Ein sehr großer Bestatter wollte uns kürzlich sogar kaufen. Mit der Begründung: Wir brauchen eine Zukunftswerkstatt, in der ausprobiert wird, was in fünf Jahren Standard sein könnte. Vielleicht gibt es dann auch rechtlich nicht mehr solche Graubereiche. Was ist zum Beispiel in dem Fall, dass die Mutter vor Weihnachten gestorben ist und der Friedhofstermin erst Anfang Januar sein wird? Mir soll mal ein Richter intellektuell und emotional erklären, warum die Angehörigen die Asche über die Feiertage nicht zuhause haben dürfen. Bisher darf man das nämlich nicht.

Es gibt ja auch andere alternative Bestatter. Wie grenzen Sie sich von denen ab?

Eric Wrede: Es gibt einige, die kommen aus dem spirituellen oder esoterischen Bereich. Das finde ich teilweise etwas verklärend. Wenn zum Beispiel über Transformation gesprochen wird. Nein, ich sage, wie es ist: Ein Körper wird verbrannt. Vermutlich bin ich einfach sehr stark Materialist.

Alternative Bestatter findet man eher in Großstädten. Aber man hat doch sicher auch auf dem Land die Chance auf eine individuelle Beisetzung.

Eric Wrede: Ich würde sagen, ja. Wir machen das zwar selten, aber bei den wenigen Malen hat das Ländliche sogar mehr Raum gegeben als die durchgetaktete Stadt. Je klarer ich kommuniziere, was ich will, umso besser. Jeder vernünftige Bestatter wird dann in der Lage sein, das umzusetzen.

Warum sind Gespräche über Tod und Sterben für die meisten tabu?

Eric Wrede: Wenn ich diese Antwort zu 100 Prozent hätte, wäre ich sehr schlau. Meine Indizien sind: Der Tod ist eine Macht, gegen die es keine Tablette gibt, gegen die kein Geld hilft, die uns Angst macht. Und unsere Psyche ist fantastisch im Verdrängen. Es gibt diesen Ausspruch: Der Deutsche hat anstatt über seinen unvermeidlichen Tod vermutlich häufiger darüber nachgedacht, was er mit den Lottomillionen macht, die er vielleicht einmal gewinnen könnte. Außerdem gibt es kaum Möglichkeiten, in denen Menschen ungehemmt über das Sterben sprechen können. Es ist damit vergleichbar, wie wir uns über Sexualität austauschen. Heranwachsende nutzen brutale Worte dafür; andere müssen angeben oder es werden Witze gemacht. So auch über den Tod. Aber man kann lernen, normaler damit umzugehen. Das ist wie mit Liebeskummer. Auch, wenn er das fünfte Mal vor deiner Tür steht, er reißt dir jedes Mal das Herz raus. Und du denkst jedes Mal, es geht nicht weiter. Und es geht trotzdem  weiter. Du lernst mit der Zeit, was dir in solchen Fällen guttut. Tut es mir gut, alle Erinnerungen zu verbrennen? Wütend zu sein? Oder versuche ich, Erinnerungen zu sortieren und eine Schublade zu schließen? Die Techniken sind ähnlich, wenngleich beim Liebeskummer die Illusion hinzukommt, dass er umkehrbar sei, weil jemand zurückkommt. Mit dem Tod und seiner Endgültigkeit ist das schwieriger. Viele haben die Ausmaße gar nicht vor Augen. Ich kenne viele Familien, in denen nicht einmal finanzielle Grundlagen geklärt wurden. Da sind Leute zusätzlich zu ihrer Verlustsituation noch in Existenzängste gekommen, weil unklar war, wer was erbt. Bis man an das Konto kommt, kann ein halbes Jahr vergehen, aber es müssen ja trotzdem Rechnungen bezahlt werden.

Was raten Sie dem Umfeld von Trauernden – also denen, die nicht direkt betroffen sind? Wie verhält man sich?

Eric Wrede: So, wie ich möchte, dass Menschen mit mir umgehen: Dass man mich ernst nimmt. Ich zum Beispiel will keine Floskeln hören. Jedes ehrliche In-den-Arm-Nehmen ist mehr wert als ein formal ausgesprochenes „Mein Beileid“. Man kann fragen: „Was brauchst du gerade?“ Einige können das in ihrer Trauer aber gar nicht genau benennen. Dann ist praktische Lebenshilfe sinnvoll: eine Einladung zum Essen, die Kinder ein Wochenende betreuen. Ein ernst gemeintes „Wie geht es Dir?“ ist schwierig. Ich merke das selbst. Wenn ich Angehörige nach einem Jahr wiedertreffe, stocke ich zunächst. Habe ich jetzt Zeit, mir die Antwort 20 Minuten anzuhören? Denn viele Trauernde werden sich wiederholen, Geschichten zum hundertsten Mal erzählen. Als Freund muss man die Kraft haben, sich das immer wieder anzuhören. Oder ab einem gewissen Punkt zu sagen: Jetzt verlässt mich die Kraft, vielleicht schauen wir nach einem Angebot, das dir helfen kann.

Sie schreiben in Ihrem Buch: „Der, der stirbt, trägt immer auch eine Verantwortung für die, die bleiben.“ Was meinen Sie damit?

Eric Wrede: Ich habe zu oft gesehen, dass sich Dinge im Nachlass fanden, die Menschen in ihrer Trauer auf die Füße gefallen sind: Informationen, die im Nachhinein zusätzlichen Schmerz erzeugt haben. Das muss nicht sein. Das kann man regeln. Wir sollten uns also fragen, was mit unserem Nachlass geschehen soll. Auch, um Streitigkeiten um das Erbe vorzubeugen.

Freie Presse, 18. Januar 2019

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Singen kann den Alltag mit Dementen erleichtern

Lieder können Demente aktivieren. Musik kann aggressive Patienten beruhigen. Musiktherapeuten sagen, dass durch das gemeinsame Singen auch Alltägliches wie Waschen oder Füttern einfacher wird.

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Von Insa van den Berg

Max Liedtke kennt die Patienten und ihre individuellen Geschichten – an die sie selbst sich kaum erinnern. Mehrfach wöchentlich besucht der emeritierte Pädagogikprofessor Schwerstdemente in Pflegeeinrichtungen im Nürnberger Land: Patienten, die eingesunken im Rollstuhl verharren oder verstört um sich schlagen. Liedtke beobachtet: Wenn sie gemeinsam singen, verändert sich etwas. Ein Lächeln hier, Tanzbewegungen dort. Durch seine inzwischen gestorbene, zuvor demente Frau weiß Liedtke: „Gespräche wurden schwieriger. Ich habe bemerkt, dass gemeinsames Tun unsere Kommunikation erleichterte.“ Gemeinsam zu musizieren, war eine spontane Idee.

Lieder aus der Kindheit sind im Handlungsgedächtnis abgespeichert. Das greift die Demenz erst sehr spät an, erklärt Eckart Altenmüller. Der Neurologe ist Direktor des Instituts für Musikphysiologie und Musiker-Medizin der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Durch das Singen können Verbindungen im Gehirn in gewissem Maß wiederbelebt werden, zeigen Untersuchungen. „Und man kann das Fortschreiten der Demenz damit aufhalten“, sagt Altenmüller.

Die Opernsängerin Maartje de Lint bietet sogenannte „Base“-Trainings an. „Base“ steht für „Brain Awakening Singing Education“. Sinngemäß übersetzt heißt das: gehirnanregende Gesangsstunden. Dazu besucht die 50-Jährige Pflegeheime in den Niederlanden und seit kurzem auch in Deutschland. Sie bildet einen Stuhlkreis und singt gemeinsam mit den Bewohnern. Es gehe nicht darum, den richtigen Ton zu treffen oder die passenden Wörter zu wählen: Die Melodie oder ein ’Lalala’ reichen. Ein Pianist begleitet den Chor. „Ich gehe nah an die Menschen heran, berühre auch mal eine Hand. Demente verlieren das Rationale. Das Fühlen bleibt aber gesund“, sagt Maartje de Lint.

An einem solchen Training nehmen zwölf Demenz-Betroffene teil, deren Angehörige sowie sechs Pflegende. Für die Betreuer ist es als Fortbildung gedacht; das Heim als Veranstalter zahlt pro Workshop etwa 600 Euro. „Ich zeige, wie man den Alltag durch das Singen erleichtern kann. Wenn man jemanden duschen muss, und der will nicht, dann kann ein Schlager wie ’Singin’ in the rain’ hilfreich sein.“ Oder ein Kinderlied wie „Zeigt her eure Füße“. Die Pflegenden seien von dem Einfluss der Musik oft total überrascht, sagt die Sängerin. „Wenn etwa ein schreiender Patient durch ein Lied beruhigt wird.“ Damit habe das gemeinsame Singen nicht nur positive Auswirkungen auf die von Dementen, sondern auch auf das Pflegepersonal und die Angehörigen. Denn auch bei ihnen rufe die Musik gute Gefühle hervor.

Für die Gesangspädagogin Vera Kimming vom Verein „Singende Krankenhäuser“ ist das Singen „heilsam für jede Art von Krankheitsbild“. Es kann aktivieren, beruhigen, das Selbstwertgefühl fördern. „Vielen ist gar nicht bewusst, wie bedeutsam die Musik ist.“ Der Verein bietet ebenfalls Fortbildungen zum Singleiter für Pflegende an. Pro Modul und Teilnehmer kostet der Kurs 265 Euro. Inzwischen wurden durch den Verein „Singende Krankenhäuser“ über 60 Kliniken in Deutschland, Österreich und der Schweiz zertifiziert. „Durch unseren fachlichen Hintergrund verbinden wir das Singen zum Beispiel mit körperlicher Bewegung. Damit erreichen wir eine andere Qualität als durch das bloße Absingen von Liedern.“

Besser als nur Musik zu hören, sei das aktive Tun, bestätigt der Neurologe Eckart Altenmüller. „Idealerweise fördert man zusätzlich die Mobilität der Patienten, durch Klatschen oder Tanzen.“

So viel Gutes sein Ehrenamt bewirkt – mit der Freiwilligkeit hadert Max Liedtke gelegentlich. „Ich frage mich, ob man damit den Druck auf die Politiker verringert. Es scheint schließlich so, als könne man durch Freiwillige die Probleme in der Pflege lösen.“ Dennoch sei er bereit, durch eigenes Handeln etwas zu ändern. Und besucht weiter Demenzkranke, um mit ihnen zu singen.

Evangelischer Pressedienst, 10. Juli 2018

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Sind Beruf und Kind tatsächlich vereinbar?

Die Sitzung ist für 17 Uhr angesetzt. Für Eltern ein schwieriger Termin: Die meisten müssen ihre Kinder dann bereits aus der Betreuung abgeholt haben, weil die Kita schließt. Vollzeitjob und Familie: Lässt sich das wirklich unter einen Hut bringen?

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Von Insa van den Berg

Wer berufstätig ist, den fordert ein pflegebedürftiger Angehöriger oder ein kleines Kind besonders. Um dieses Dilemma aufzulösen, „haben wir 124 verschiedene Teilzeitmodelle“, erläutert Marie-Christine Lipka von der Personalentwicklung der Versicherung Volkswohl-Bund in Dortmund. Die Modelle unterscheiden sich, weil auch die Bedürfnisse der Mitarbeiter voneinander abweichen. Für Einige ist es wichtig, mittwochs fürs Babyschwimmen freizuhaben und das an den anderen Tagen auszugleichen. Für andere ist es nötig, das Haus täglich um 15 Uhr verlassen zu können, weil ab dem Nachmittag der pflegebedürftige Angehörige betreut werden muss. Weil sich die Versicherung für Chancengleichheit engagiert, ist sie im November 2017 von der Initiative Total E-Quality Deutschland ausgezeichnet worden. Personalentwicklerin Lipka vom Volkswohl-Bund sagt: „Wir setzen uns dafür ein, weil wir unsere Mitarbeiter halten wollen und nicht zuletzt auch gemerkt haben, dass sie bei guten Arbeitsbedingungen bessere Leistung erbringen.“

Bereits zum vierten Mal mit dem Prädikat „Total E-Quality“ gewürdigt worden ist die BAD Gesundheitsvorsorge und Sicherheitstechnik GmbH. Das Unternehmen mit rund 4000 Mitarbeitern berät Betriebe in Fragen des Arbeits-, Gesundheits- und Umweltschutzes. Torsten Heinrich, Referent Personalmarketing, spricht aus eigener Erfahrung: Wenn seine Frau die Kinder nicht von der Kita abholen könne, mache er das. Für solche Fälle „habe ich mich mit meinem Vorgesetzten auf einen Tag im Homeoffice verständigt“, erzählt er. „Außerdem haben wir einen vollen Überstundenausgleich.“

In erster Linie gehe es darum, die Arbeitszeit flexibel zu gestalten. Oftmals seien es Betriebe im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialwesen oder die öffentliche Verwaltung, die sich für eine bessere Vereinbarkeit einsetzen. Familienfreundlich könnten aber Unternehmen nahezu jeder Größe und Branche sein, sagt eine Sprecherin des Bundesfamilienministeriums. „Auch solche mit hohen Flexibilitätsanforderungen wie Dienstreisen und Rufbereitschaft.“ Es komme auf den betrieblichen Gestaltungswillen, die Unternehmenskultur, Führungskräfte und innovative Lösungen an. Das Ministerium hat beim Unternehmerwettbewerb „Erfolgsfaktor Familie“ Positivbeispiele wie das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) oder die Bausparkasse Schwäbisch Hall AG für ihr Engagement ausgezeichnet.

Im UKE, dem größten Krankenhaus Hamburgs, sind über 10 000 Menschen beschäftigt. „Und zwar die Besten ihres Fachs, die wir gewinnen und halten wollen. Deshalb müssen wir ein sehr  guter Arbeitgeber sein“, meint Michael van Loo, Leiter des Geschäftsbereichs Personal. So ist es für Neueltern möglich, auch mit einem sehr geringen Stundenkontingent im Beruf zu bleiben. „Ein Nachtdienst im Monat zum Beispiel oder zwei Stunden täglich: Bei uns ist vieles möglich.“ Das setzt auch Verständnis bei den Führungskräften voraus, sodass diese am UKE verpflichtend einen „Führungsschein“ erwerben müssen – in Form einer Fortbildung, die auch auf die Bedürfnisse von Eltern und Pflegenden eingeht.

Sebastian Flaith von der Bausparkasse Schwäbisch Hall AG ist Vater von drei Kindern und schätzt die „lebensphasenorientierte Personalarbeit“ seines Arbeitgebers: Je nachdem, was gerade wichtig ist, der Finanzdienstleister möchte die mehr als 3300 Beschäftigten bei ihren jeweiligen Herausforderungen unterstützen. Es gibt also eine betriebseigene Kita, aber auch ein Seniorenstift für ehemalige Mitarbeiter oder Angehörige. „Ein Beispiel: Wenn die Mutter oder der Vater eines Kollegen gestürzt ist, kann unsere Kurzzeitpflege sehr entlastend sein“, sagt Flaith und beruft sich auf die Firmenphilosophie: „Wir machen das nicht, weil es uns gut geht, sondern wir sind erfolgreich, weil wir das so machen.“

Laut der Studie „Partnerschaftliche Vereinbarkeit – Die Rolle der Betriebe“ des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung arbeiten in Deutschland derzeit etwa 20 Prozent der Eltern kleiner Kinder in familienfreundlichen Betrieben. Vielfach gelten flexible Arbeitszeiten oder Teilzeit als Patentrezepte, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erleichtern. Die Fachanwältin für Arbeitsrecht Smaro Sideri aus Ostfildern weist darauf hin: „Wenn Teilzeit zugestanden wird, aber nicht in der gewünschten Verteilung der Arbeitszeit auf die einzelnen Arbeitstage, bringt es den Mitarbeitern manchmal gar nichts.“

Auch Forderungen nach einem gesellschaftlichen Wandel werden laut: Bessere Betreuungseinrichtungen für Kinder zum Beispiel, mit längeren Öffnungszeiten und ausgebautem Bildungsangebot. Wer Vollzeit arbeiten möchte, muss für Kinder oder andere Pflegebedürftige Hilfe haben, die auch Wegezeiten miteinkalkuliert.

Die öffentliche Kinderbetreuung solle stärker auf den Bedarf der Familien ausgerichtet sein, meint Volkswirtin Prof. Christa Katharina Spieß vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). „Wenn das Kind gut betreut ist, macht es das für Eltern leichter.“

Redaktionsnetzwerk Deutschland, 16. April 2018

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„Keine Angst vor dem Tod“

Die „Lindenstraße“ machte ihn bekannt: Der Schauspieler Georg Uecker stellt seine Lebensgeschichte vor.

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Von Insa van den Berg

Sie haben schwere Zeiten, Krebs und HIV-Infektion gemeistert. Darauf kann man sich etwas einbilden. Tun Sie das?

Georg Uecker: Gar nicht. Da bin ich eher bescheiden. Ich bin vielmehr den Menschen dankbar, die mir in den unterschiedlichen Phasen geholfen haben: die mich geerdet haben oder hochgehoben. Auf solche Mitmenschen ist man in diesen Extremen angewiesen.

Ihnen geht es derzeit offenbar sehr gut. Der Krebs scheint überwunden. Mit der HIV-Infektion können Sie weiterleben. Bleibt die Angst vor dem Sterben?

Georg Uecker: Nein. Ich habe keine Angst. Der Tod wird uns alle mal ereilen, das weiß ich. Ich finde das Leben allerdings schon ganz schön. Das kann ruhig noch ein bisschen dauern.

Für wen haben Sie dieses Buch geschrieben?

Georg Uecker: Für die, die es lesen wollen. Es ist ein sehr lebensbejahendes Buch. Für Menschen, die etwas Persönliches wollen und zugleich ein Stück Zeitgeschichte.

Ist es eine Entschuldigung? Sie haben ja offenbar teilweise auch Fans vor den Kopf gestoßen.

Georg Uecker: Das waren ja nur einzelne Geschichten, auf die ich so genervt reagiert habe: Wenn mir auf der Straße gesagt wurde, ich solle mehr essen. Auch wenn es nett gemeint war, war das etwas unsensibel. Ich würde also nicht sagen, dass ich mich entschuldigen muss. Zumal man nicht vergessen darf, dass man den Umgang mit Öffentlichkeit erst einmal lernen muss. Ich war 23, als ich zur „Lindenstraße“ kam. Ich hatte keine PR-Berater. Da macht man natürlich Fehler, ist unsicher, überspielt das.

1990 küsste Ihr „Lindenstraße“-Charakter Carsten Flöter einen Mann. In der Folge erhalten Sie Morddrohungen, stehen sogar unter Personenschutz. Dabei hatte Carsten bereits 1987 seinen damaligen Lebensgefährten geküsst. Damals hat das niemanden so richtig aufgeregt. Wie erklären Sie sich das?

Georg Uecker: Ich kann das bis heute nicht ganz genau erklären. Ich glaube, es hat mit der Intensität und Dauer zu tun. 1987 war der Kuss nur einmal kurz zu sehen, 1990 viel intensiver. Die Kamera war näher dran. Carsten Flöter und Robert Engel küssen sich, ein Hemdknopf geht auf und ein paar andere Szenen später liegen sie im Bett. Dann wissen die Leute ja ungefähr, was dazwischen gewesen sein wird. Außerdem war das wochenlang Thema in der Serie. Das hat offenbar schockiert. Die negativen Reaktionen waren heftig. Die Homophoben waren auch ungewöhnlich viele, aber an der Gesamtzuschauerzahl gemessen ging es sogar noch. Die schweigende Mehrheit fand das gut oder es war ihnen egal. Diese Leute rufen dann ja aber nicht im Sender an.

Beruflich ist es Ihnen von Anfang an ein Anliegen gewesen, Unterhaltung und das ernste Fach miteinander zu verbinden. Inwiefern ist Ihnen das gelungen?

Georg Uecker: Es ist ein länger laufendes Projekt. Ich arbeite kontinuierlich daran. Es gibt punktuelle Erfolge, wie viele von meinen Bühnenshows. Dort baue ich tagesaktuelle Geschehnisse ein.

Inwieweit sehen Sie im Fernsehen eine Entwicklung in diese Richtung?

Georg Uecker: Auch im Fernsehen gibt es inzwischen mehr Mischformate, in denen man nicht mehr so stark zwischen E und U trennt. Man merkt bei jungen Schauspielerkollegen, die ohne Probleme Theater und Film machen, dass es da keine großen Berührungsängste mehr gibt. Das Schubladendenken löst sich also schon ein bisschen auf.

Sie positionieren sich als Europa-Fan. Was zeichnet den Staatenbund Ihrer Meinung nach aus?

Georg Uecker: Europa ist nicht nur ein Staatenbund, sondern auch ein Kontinent, aber vor allem ein Gedanke, ein Ideal. Wenn wir es nur schaffen könnten, aus den vielen Kriegen zu lernen! Anzuerkennen, dass wir gemeinsame Wurzeln haben. Und wir haben in dieser Hinsicht schon einiges erreicht, mit dem Élysée-Vertrag zur deutsch-französischen Freundschaft zum Beispiel. Aber wir müssen weiter an dieser Utopie arbeiten – gerade, wenn es wie momentan in der Realität teilweise bitter aussieht.

Es ist also der europäische Gedanke, der Sie so fasziniert?

Georg Uecker: Nationalismus hat immer nur zu Krieg geführt. Grenzen sind ja auch zufällig entstanden. Wir haben so viele Minderheiten: Die Slowenen in Österreich, die Ungarn in Rumänien, die Sorben und Dänen in Deutschland, die Deutschen in Belgien … Wir müssen lernen, über diese Grenzen hinwegzuschauen.

Nach dem Lesen Ihres Buches kann man annehmen, dass Sie von Journalisten im Allgemeinen nicht das allerbeste Bild haben. Wie viel Überwindung kosten Sie Gespräche wie dieses?

Georg Uecker: Es gibt unterschiedliche Arten von Journalisten. Wenn jemand zum Beispiel für ein Boulevard-Skandalblatt arbeitet, ist klar, was das für ein Job ist. Derjenige muss mit sich vereinbaren, ob er in der Mülltonne wühlen oder Leute in die Ecke treiben will. Wenn jemand differenzierter denkt: Dann kostet es mich gar keine Überwindung, solche Interviews zu geben.

Lübecker Nachrichten, 23. Februar 2018

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